Herbstgedanken

Gerade noch haben uns die letzten Sonnenstrahlen auf der Nase gekitzelt, während wir unsere Füße ins warme Meer gesteckt haben und plötzlich ist er da: Der Herbst. Und da nun schon Herbst ist, ist ja fast schon Weihnachten. Also ist das Jahr doch eigentlich schon wieder rum, oder? Wird es nicht Zeit, sich zu fragen, was man an Silvester macht?

Jedes Jahr beobachte ich dasselbe Phänomen in meinem Freundeskreis. Wenn die Tage kürzer werden, werden die Gesichter gleichermaßen länger und während uns die Kälte in die Körper kriecht, schleicht sich bei vielen gleich der Trübsinn in die Seele. Der Herbst hat also ein ganz entscheidendes Problem und das heißt, wie ich neulich lernen durfte, „wintimacy“. Eine charmante Mischung aus winter, intimity und security. Vertrautheit und ­Geborgenheit? Klingt eigentlich gar nicht schlecht. Leider führt diese „wintimacy“ nur allzu oft dazu, dass meine Freunde sich zu Hause verkriechen, die Couch zur neuen In-Location deklarieren und dem Leben „da draußen“ erst einmal Lebewohl sagen. Aber: Im Herbst gibt es vielleicht mehr schöne Dinge zu unternehmen, als im ganzen Rest des Jahres. Das Licht wird wärmer, die Farben der Natur leuchten wie ein kleines, alltägliches Feuerwerk und laden uns zu langen Herbstausflügen ein. Ich freue mich auf lange Spaziergänge im bunten Herbstlaub, auf Hüpfen durch Regenpfützen mit meinen Kindern und auf völlig durchnässte Kleidung vom unerwartetem Regen. Ich kann endlich alle Bücher lesen, die ich im Sommer nicht gelesen habe. Ich kann Drachen steigen lassen und dabei mit meinen Kindern durchs Feld laufen und mir den Wind durch die Haare wehen lassen. Museum, Kino, DVD-Abend – alles, was man sich im Sommer verkniffen hat, um den letzten ­Sommertag nicht zu verpassen, ist jetzt absolut legitim.

Lebensfreude. Ja, die gibt es auch im Herbst. Ihr müsst euch nur vor die Haustüre wagen. Die Welt ist gerade wunderschön, in diesen sanften Farben. Ich jedenfalls gönne mir eine neue Herbstjacke, ein paar mollig warme Stiefel und mache mir eine Herbst-Checkliste. Drachen steigen lassen, Kastanien sammeln, Feuerzangenbowle, Laub aufwirbeln. Und wenn ich weiß, dass ich all diese wunderbaren kleinen Dinge, die nunmal nur im Herbst möglich sind, gemacht habe, dann, ja dann kann auch ich Kakao kochen, mich ins Bett kuscheln und dem Regen beim Fallen zuschauen. Den ein oder anderen Abend. Vielleicht auch einen mehr. Denn auch das darf man im Herbst. Immerhin verpasst man keinen Tag im Freibad mehr.

Katja Roesgen